Es lenzt nicht nur die Pumpe
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Der Frühling ohrfeigt mich links und rechts. Heftig und unvermutet, als ich aus der Haustür trete. Eingehüllt in meinen alten Ulster, lasse ich verschreckt die Schaufel mit dem Streusand fallen. Der wird die nächsten Monate erst mal nicht mehr nötig sein. Mit zusammengekniffenen Augen betrachte ich verwundert das rege Treiben all der alleinerziehenden 2/3-Job-Mütter mit Vollwertkost-Ernährungsplan auf Sozialhilfesatz, der visionären, mit weit ausholenden Gesten in ihre überteuerten Taschentelefone greinenden Webdesigner, der verträumt mit dem Mont-Blanc-Füllfederhalter in ihren Latte Macchiatos herumrührenden Projektmanager auf freiberuflicher Basis ohne Netz und doppelten Boden. Es ist Frühling in Berlin!
Anschließend sehe ich entsetzt an meinem Körper herunter, der noch voll auf Winterbetrieb eingestellt ist. Käsig, schlaff und der Speckgürtel wohlgefüllt mit Fetten, die das Überleben im Winter sichern sollten. Nun, der wäre ja geschafft, allein, nun ist es an der Zeit, auf die Balz zu gehen!
Wie gerne würde ich in diesem Augenblick, eine rassige Süditalienerin mit Abschluß in vergleichender Kapillarbiologie im Arm, die knospenden Auen durchstreifen und mich am Belfern des Fuchsrüden, dem eiligen Hopsen des Deutschen Rammlers und dem kecken Ungestüm der nach Brosamen haschenden Boten des Friedens, den verdreckten City-Tauben, erfreuen.
Visionen flackern vor meinen fiebrigen Augen auf; ich sehe sie und mich zusammen die Bibliotheken der alten Welt nach Handschriften von Aristoteles durchstöbern; im Stadtpark sitzend und uns kichernd Sasha-Waltz-Kritiken aus der FAZ vorlesend, auf Wim-Wenders-Parties aus reinem Übermut Adornos Arbeit über den Begriff des Unterbewußten widerlegen und unseren Schabernack treibend, indem wir zur Rush hour in der überfüllten U-Bahn Kants „Kritik der reinen Vernunft“ auf isländisch vor uns hinmurmeln, Kierkegaard lächerlich machen, indem wir seinen mürrischen Zug um die Mundwinkel parodieren und die Bücher der Epikuräer mit Schokoladenglasur überziehen und ihren Feinden zum Verzehr anbieten.
Doch ach, das Leben ist prosaischer. Ein liebreizender Körper in einem vollkommenen Geist, gepaart mit einem Literaturpreis und geadelt von einem siebenstelligen Nummernkonto in Luxemburg ist das Mindeste, was die Powerfrau von heute verlangt; auch wenn sie nicht immer selbst ihren hohen Ansprüchen genügt.
Es ist platt und dennoch stimmt es: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Die Frage ist nur: Was macht sie denn so allein, wenn alle anderen nicht mehr leben? Verfällt sie in Depressionen? Kann sie das überhaupt?
Ach, das Leben ist das größte Geheimnis überhaupt.




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